Textetunnel: Goodbye, Bruce Lee!

16. März 2018 | Von | Kategorie: Aktuelles

Tabea Michel arbeitet seit 2013 ehrenamtlich bei uns. Zunächst als Jurymitglied eines Schreibwettbewerbs für Jugendliche, dann als Mitredakteurin unseres Kiezkochbuchs Friedrichshain kocht und schließlich als Vorleserin für Kinder in unserem Laden in der Wühlischstraße. In ihrer Kolumne „Tabeas Textetunnel“ präsentiert sie uns ihre ganz persönliche Sicht auf die Welt: mit einem Augenzwinkern und garantiert ohne Tunnelblick. Wir wünschen Euch viel Freude beim Hindurchfahren!

Foto: Pixabay

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Goodbye, Bruce Lee! 

Im Sommer 1973 starb mit nur zweiunddreißig Jahren bei den Dreharbeiten zum Film Enter The Dragon Kampfkunst-Ikone Bruce Lee. Mehr als drei Jahrzehnte später, im September 2004, setzten die Donots  aus dem westfälischen Ibbenbüren mit dem Song Goodbye Bruce Lee ihrem Idol ein musikalisches Denkmal. Dass es nun endgültig an der Zeit sei, sich von seinem geliebten Helden zu verabschieden, verkündet Sänger Ingo Knollmann voller Inbrunst im Refrain: „Goodbye Bruce Lee! It’s time to leave.” Und weiter: Er glaube, einen Fremden zu vermissen, einen  Freund, den er nie gehabt, eine Person, die er nie getroffen habe. Dies sei zwar seltsam, aber wahr. Und wie denn er, Bruce Lee also, darüber denke?

„Ach, was für ein schöner, liebevoller Text“, dachte ich.  Und: „Wie gut, dass es Erwachsene gibt, die sich nicht scheuen, ihrer Bewunderung für die Helden ihrer Kindheit und Jugend singend Ausdruck zu verleihen.“

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dies dachte und wodurch ich schließlich bemerkte, dass ich mit meiner Interpretation des Textes völlig falsch lag. Bruce Lee kommt in dem Lied  nämlich überhaupt nicht vor. Ich hatte mich, wie es in der Vergangenheit schon häufiger geschehen war, mal wieder so richtig und grundlegend verhört. So wie damals beim Italiener, als der Kellner dem Herren am Nebentisch statt der üblichen Pizza Margherita im Brustton der Überzeugung plötzlich eine Pizza Malaria auftischte, die dieser auch noch dankend annahm. Oder als ich beim Bäcker auf die Frage nach dem Tagesangebot die Antwort Apfel-Cosinus-Kuchen erhielt, das ich als leidgeprüfte Arithmetik-Allergikerin sofort vehement ablehnte. Hätte ich gewusst, dass hinter dem Apfel-Cosinus in Wahrheit die Kombination Aprikose-Nuss steckt, wäre meine Entscheidung anders ausgefallen.

„Vulva!“, sagte eine Freundin, der ich später davon berichtete. Ich sah sie verständnislos an. Doch noch ehe ich ein „Wie bitte?“ über die Lippen brachte, dämmerte mir, dass sie „wohl wahr!“ gemeint haben musste. Beruhigt und zufrieden atmete ich auf. Manchmal dauert es allerdings eine Weile, bis sich dieses wohltuende Gefühl der Erleichterung einstellt. Lange zum Beispiel glaubte ich,  der 222er Bus von Alt-Tegel nach Alt-Lübars halte an den Stationen Am Furunkelberg und Rinnstein. Erst als die elektronische Anzeigetafel in den Fahrzeugen wieder funktionierte und ich mich bei der Aufnahme der Informationen nicht mehr ausschließlich auf mein Gehör verlassen musste, wurde mir klar, dass die wirklichen Namen der Haltestellen „Am Vierrutenberg“ und „Sprintsteig“ lauten. Schade eigentlich! Ein Furunkelberg ist doch irgendwie was Schönes, finden Sie nicht?

Schöner als dort oben ist es wahrscheinlich nur noch in Griechenland am Meer. Zu dieser Einschätzung kam ich jedenfalls, als mir neulich in der U-Bahn eine junge, ziemlich erschöpft aussehende Frau erzählte, sie sei drei Tage auf Kos gewesen und habe nicht geschlafen.

„Ja, Kos muss wundervoll sein“, erwiderte ich.

„Ich war nicht auf Kos, sondern auf  Koks“, gab sie entschieden zurück.

„Okay, das ist was anderes“, sagte ich. Und dann, halblaut und zu mir selbst: „Ob Bruce Lee seinerzeit auch gekokst hat?“ Das weiß keiner so genau. Fest steht allerdings, dass niemand dem armen Kerl posthum einen Song gewidmet hat. Das Lied, das ich für eine Hommage an ihn hielt, heißt in Wirklichkeit „Goodbye Routine“ und thematisiert den in der  Populärmusik mit fast schon inflationärer Häufigkeit hervorgebrachten Wunsch, eine in die Jahre gekommene Beziehung wieder zu neuem Leben zu erwecken. Wie langweilig! Sollte ich es demnächst zufällig im Radio hören, werde ich beim Mitsingen daher auf meine ursprüngliche  Interpretation zurückgreifen. Bruce Lee wird es mir danken. Da bin ich mir ziemlich sicher.

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