Textetunnel: Entscheidungen

11. Dezember 2017 | Von | Kategorie: BüchertischlerInnen

Tabea Michel arbeitet seit 2013 ehrenamtlich bei uns. Zunächst als Jurymitglied eines Schreibwettbewerbs für Jugendliche, dann als Mitredakteurin unseres Kiezkochbuchs Friedrichshain kocht und schließlich als Vorleserin für Kinder in unserem Laden in der Wühlischstraße. In ihrer Kolumne „Tabeas Textetunnel“ präsentiert sie uns ihre ganz persönliche Sicht auf die Welt: mit einem Augenzwinkern und garantiert ohne Tunnelblick. Wir wünschen Euch viel Freude beim Hindurchfahren!

Wal

Foto: Pixabay

Entscheidungen

für Florence

„Wer den Wal hat, hat die Qual“, sagte meine Französischlehrerin einmal. Und noch während ich mir vorstellte, wie diese kleine zierliche Frau einem in ihrer Wohnung gestrandeten übergroßen Meeressäuger in der Badewanne ein neues Zuhause einzurichten versucht, wurde mir klar, dass sie eigentlich etwas ganz anderes meint: Entscheidungen. Entscheidungen sind mühsam, lästig und sie können sich in der Tat manchmal schwer anfühlen wie ein Pottwal, aber sie sind unausweichlich und wollen jeden Tag aufs Neue von uns getroffen werden, besonders die ganz kleinen: Gleich aufstehen oder noch ein bisschen liegenbleiben? Bus oder Bahn? Schwarz oder mit Milch und Zucker? Senf oder Ketchup? Wollen Sie eine Kundenkarte? Eine Tüte für 10 Cent? Noch was zum Lesen für zu Hause? Einmalig spenden? Mitglied werden? Diesen Aufruf hier unterschreiben? Eine Gratisprobe? Mal kosten?

Ja, hin und wieder will ich. Aber eben nicht immer. „Das kann ich jetzt nicht allein entscheiden“, habe ich mir in diesen Fällen angewöhnt zu sagen. „Das muss ich erstmal mit dem Wal in meiner Badewanne klären. Der wiegt ungefähr so viel wie Tausende von mir und dementsprechend mehr Gewicht hat seine Meinung im Vergleich zu meiner. So ist das nun mal in einer Demokratie. Die Masse entscheidet. Verstehen Sie?“

Seitdem fragen die Leute deutlich weniger. Einige runzeln irritiert die Stirn. Die, die mich schon kennen, lächeln milde. Manche von ihnen stecken mir kleine Geschenke zu, Tupperdosen, gefüllt mit Krebsen oder Algen.  „Für Ihr Haustier“, sagen sie. „Das hat doch bestimmt Hunger.“ Oder ich bekomme eine CD überreicht.  Die schönsten Walgesänge lese ich auf dem Cover. „Dann fühlt sich Ihr Haustier nicht so allein“, heißt es zur Erklärung.

„Danke, wie aufmerksam!“, entgegne ich ehrlich  gerührt.

Ein Leben mit Wal, noch dazu einem imaginierten, ist alles andere als eine Qual, geht es mir durch den Kopf. Man bekommt Geschenke, auch wenn gerade nicht Weihnachten oder der eigene Geburtstag ist, die Menschen sind wohlwollend, reagieren einfühlsam und niemand verlangt einem irgendeine banale Entscheidung ab. Richtigerweise müsste der Satz meiner Französischlehrerin also lauten: „Wer den Wal hat,  lebt genial.“ Oder auf Französisch: C’est belle, la mer.  Stimmt doch? Oder etwa nicht?  Entscheiden Sie selbst.

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