Ein Bericht von Maja

Das Büro der Leseförderung wurde so frei geräumt wie möglich, und eine altersgemischte Kindergruppe sitzt auf Sitzkissen vor der Couch, auf der Ines mit ruhiger Stimme einen kindgerechten Krimi vorliest. Sie schafft es mit Fragen an die Zuhörer*Innen, dem Herumzeigen von Bildern und einem angenehmen Lesetempo, alle zu fesseln und für den Ausgang der Geschichte zu begeistern. Zwischendurch gehen Süßigkeiten rum, und ein zufriedenes Kauen ist hörbar.

Die älteren Kinder stellen sich Fragen, an denen man merkt, wie aktiv sie zuhören – Wie kann man denn einen Kofferraum aufbrechen? Die haben doch eine Fernbedienung!

Und es entstehen Gespräche darüber, dass klassische, alte Schlösser recht einfach aufgehebelt werden können. Ich versuche, möglichst anschaulich zu erklären, wie das geht und wieso der Kriminelle in der Geschichte dies tatsächlich schaffen könnte. Sie hören gebannt zu.

Wenn man lediglich in diesem Moment den Raum betritt, kann man sich sicherlich fragen, ob wir spätere kriminelle Energien eher fördern als das Lesen an sich, aber ich finde daran zeigt sich das Besondere der Leseförderung. Dass das Lesen an sich eine wichtige Kompetenz bildet, war mir bewusst, aber genau sagen, was es für mich bedeutet, konnte ich nicht – jedenfalls bis ich begann, ehrenamtlich in der Leseförderung zu helfen. Genau dieses unerwartete Gespräch über Autoschlösser machte deutlich, dass Lesen und unterschiedliche Geschichten völlig neue Fragen aufwerfen und andere Denkweisen aufzeigen können. Es fördert Allgemeinwissen, kritisches Denken und Reflexion über das Bekannte sowie Unbekannte. Grundsätzliche Funktionsweisen von Alltagsgegenständen werden genauso betrachtet wie Freundschaften oder sozialer Zusammenhalt. Viele Themen werden hauptsächlich durch Literatur an Kinder herangetragen, und durch beispielsweise das Vorlesen und darüber Sprechen kann der Horizont und die Sprachfähigkeit spielerisch erweitert werden.

Die Leseförderung bietet dafür einen entspannten, sicheren Raum – nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Mitarbeitenden.

Bereits während der ersten Besprechung des Bücherrätsels wurde ich liebevoll durch erfahrene Ehrenamtliche und Mitarbeitende unterstützt. Die Idee, Kinder, die aus lesefernen Haushalten kommen, zu erreichen und der Wunsch, hilfreich zu sein, durchdringt die Gespräche. Immer wieder habe ich das Gefühl etwas zu machen und zu unterstützen, was nicht nur Spaß macht, sondern sinnvoll und fördernd ist. Bücher als kulturellen Schatz zu sehen, der weitergegeben und bewusst gefördert werden muss, ist etwas Besonderes und gefällt mir sehr.

Spannend wurden dann auch die Märchentage, wo ich an zwei Samstagen helfen konnte. In dem Raum des Ladens in der Gneisenaustraße, in dem sich Kinder täglich ein Buch aussuchen und mitnehmen können, legten wir Decken und Kissen aus, stellten Kekse und Wasser hin und warteten auf das kleine Publikum. An beiden Samstagen waren es jeweils drei Kinder, die oftmals deutliche Wünsche äußerten und Begeisterung zeigten. Zwischendurch purzelten sie über uns während wir lasen, Bilder zeigten und Fragen beantworteten. Unsere Zuhörer konnten sich beeindruckend lang konzentrieren. Ich hatte das Gefühl, dass sie es genossen, dass sie einfach einen Raum nur für sich hatten, der darauf ausgelegt war, ihnen Freude zu bereiten und sie ein wenig zu fördern. Besonders spannend fanden wir, an dem ersten Samstag noch zu zweit, wie sehr die Kinder erwarteten, dass die Prinzessin gerettet werden müsse, und überrascht waren von einem modernen Märchen, in dem die Prinzessin sich als Drache verkleidete und die Prinzen in Duellen schlug. Ein Junge sagte sogar: „Ich glaube, sie hat geschummelt. Sie kann gar nicht alles besser können als die Prinzen!“

Am zweiten Samstag waren zwei sehr kleine Kinder und ein älteres Mädchen da. Nach zwei Märchen war die Konzentrationsspanne der Kleineren aufgebraucht, und zusammen mit ein paar Keksen packten die Eltern sie ein. Die Dritte allerdings ging total in dem Setting auf, und auf ihren Wunsch lasen wir noch eine Geschichte von Bibi Blocksberg und redeten darüber, wie schön es wäre, eine Hexe zu sein. Sie stellte allerdings immer wieder klar: „Aber ich würde meine Lehrerin nicht ärgern, ich würde lieb zu Menschen sein wollen.“ Es war lustig mit ihr immer wieder über die Situationen zu lachen, und sich zu fragen, ob man wohl lieber auf dem Besen fliegen oder mit dem Auto fahren würde.

Die Leseförderung schafft nicht nur für Kinder einen Raum, in dem sie den Zauber der Literatur verspüren können und spielerisch ihre Kompetenzen ausbauen. Auch die Mitarbeitende kann kindliche Freude und neue Sichtweisen durch die Kinder am Lesen entdecken.

Maja Heining

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