Leidet Ihr auch manchmal am „Book Hangover“? Schlimmer als jeder Kater!  Alexander Wolff nimmt uns mit auf eine Reise ins Land der beendeten Bücher.

Das Buch ist fast am Ende angelangt. Ein paar Seiten noch, das kann nicht mehr lange dauern. Morgen früh klingelt der Wecker um halb sieben und nun ist es schon 0.58 Uhr. Aber: Es ist geschafft. Die letzte Seite gibt das Ende frei und lässt mich allein zurück. Tief durchatmen, das Buch aus der Hand legen. Mehr als 600 Seiten lang hat mich nun „Unterleuten“ von Juli Zeh begleitet. Da endet nicht einfach nur eine Geschichte, da endet auch etwas in mir.

Und es fühlt sich an nach … Leere. Was passiert jetzt mit den Menschen aus der Geschichte? Wie leben sie weiter?

Diese Fragen lassen mir keine Ruhe.

Unruhig wälze ich mich im Bett, 1.06 Uhr. Blöde Idee, das Buch „nur noch kurz“ beenden zu wollen, in der Hoffnung, danach einschlafen zu können. Stattdessen: Wie soll ich jetzt nur ohne die Buch-Charaktere klarkommen, die mich so sehr an mich selbst und meine Umgebung erinnern? Als wäre ihre Welt auf einmal ausgelöscht, das Licht ausgeknipst. Es wieder anzuknipsen, ist unmöglich.

Was mich plagt, ist der klassischer Book Hangover, die Katerstimmung nach dem Auslesen eines Buches. Ein wahnsinnig spannendes Phänomen! Ausgelöst durch den Konsum von Buchstaben, ein Produkt der eigenen Fantasie und trotz Entzugserscheinungen ein Garant für die Rückkehr zum geschriebenen Wort.

Das Buch lässt mich allein zurück. Es ist dabei egal, ob die Lektüre eine Woche oder einen Monat dauerte. Die Zeit bemisst sich an der Handlung, es waren also mehrere Wochen und ich war gefühlt jeden Tag als unbeteiligter Beobachter mit dabei. Naja, so ganz unbeteiligt nun auch wieder nicht: Jede Entscheidung habe ich innerlich kommentiert, jede Handlung eingeschätzt und die Fiktion mit der Realität abgeglichen. So viel Mühe geben sich manche Menschen nicht mal auf Familienfeiern.

Ich kann jetzt einfach kein neues Buch lesen, mich nicht auf eine neue Geschichte einlassen. Das wäre Verrat an den „ausgelesenen“ Figuren, die eine Zeitlang Teil meines Lebens waren.

Der Abwasch ist auf einmal total egal, Lust auf einen Abend unter Leuten (was für ein grandioses Wortspiel, hahaha!) habe ich auch nicht. Kein Wunder, immerhin ist es 1.25 Uhr und so langsam werde ich doch müde.

Nächster Tag, 7.28 Uhr: Handlungsstränge meines eigenen Alltags kommen mir absurd vor, als hätte sie niemand durchdacht. Sollte vielleicht mal Juli Zeh auf mein Leben schauen? Sie hat sicher besseres zu tun.

Wieder andere Momente erinnern mich an Buch-Momente. Es ist fast wie Liebeskummer („Einfach alles erinnert mich an sie“). Dabei bin ich heilfroh, auf realen Liebeskummer verzichten zu können.

Auf dem Weg zur Arbeit (8.21 Uhr) laufe ich an einem Buchladen vorbei, die Auslage wird gerade umdekoriert. Eigentlich hätte ich schon wieder ein bisschen Lust auf ein neues Buch. Und dabei ist klar, dass es auch wieder die Chance hat, mir ein kleines bisschen das Herz zu brechen.

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