Eine Rezension unseres Kundin Melanie:

9783462045710Vogelweide von Uwe Timm handelt von einem Mann um die fünfzig, der auf einer kleinen Insel an der Elbmündung im Naturschutzgebiet Vögel zählt und das Treibgut am Strand einsammelt und protokolliert. In verschiedenen Rückblenden erfährt man sein bisheriges Leben in Berlin: Einst Inhaber einer IT-Firma zur Optimierung und Effizienzsteigerung von Prozessen, ist er nach dem Bankrott seiner Firma auch persönlich hoch verschuldet. Vor dem Angebot als Vogelbeobachter auszuhelfen, hat er vor allem Reiseführer redigiert. Obwohl selbst in einer Beziehung hatte er vor der Insolvenz ein leidenschaftliches Verhältnis mit der Ehefrau eines befreundeten Architekten. Beziehung und Verhältnis sind ebenfalls gescheitert. Durch viele zusätzliche Anekdoten und Nebengeschichten ist Vogelweide allerdings sehr viel mehr als ein Roman über zwei Paare, die einander betrügen oder über das Scheitern eines einst erfolgreichen Unternehmers.

Uwe Timm hat eine sehr ruhige, sanfte Art zu schreiben, die wunderbar zum Ausgangspunkt der Insel, weitgehend abseits der Zivilisation, passt. Es ist ein perfektes Lesebuch für einen Aufenthalt am Meer, im Herbst oder Frühjahr, bei Ebbe und Flut. Der Schreibstil vermittelt außerdem atmosphärisch sehr gut die Lebenssituation der Hauptperson Eschenbach, der sich nach seinem Bankrott einer besinnlicheren Lebensart zuwendet, die ihm Zeit zum Nachdenken und eine andere Wahrnehmung seiner Umgebung ermöglicht. Dieses Innehalten der Hauptperson regt zum Nach- und Weiterdenken an. Durch eine Mischung aus literarischen, philosophischen und sogar zoologischen Zitaten, Beobachtungen, eigenen Erlebnisse des Protagonisten und wiedergegebenen Diskussionen werden eine Vielzahl von Gesellschaftsfragen thematisiert, ohne dass es dozierend wirkt. Dem Leser bleibt Raum für die eigene Schlussfolgerung und Positionierung, sogar dafür, ob er den Denkanstößen folgen möchte. Insgesamt stellt Uwe Timm differenziert und facettenreich verschiedene Charaktere dar, die er glaubwürdig und liebevoll beschreibt.

In kleineren Details ist der Roman aus meiner Sicht allerdings teilweise zu klischeehaft: Eschenbach wohnte vor seiner Insolvenz in einer von ihm umgebauten Loftwohnung in Zoo- und Ku‘ damm-nähe, hatte eine Bonzaisammlung auf seiner Dachterrasse und fuhr einen Oldtimer. Nach der Zwangsversteigerung seiner Wohnung und Besitztümer zieht er ausgerechnet nach Neukölln, wo ein türkisches Bordell gegenüber seiner Wohnung liegt, von einer nächtlichen Schießerei berichtet wird und mit einem natürlich deutschen Nachbarn, der latent rassistisch und dann auch noch Kleingärtner ist. Andererseits schafft die Beschreibung des Nachts von der Terrasse der Loftwohnung hörbaren Löwengebrülls eine wirklich exotische Szenerie, die was für sich hat. Auch dass bei Eschenbachs türkischen Nachbarn zwar die Mutter kein Deutsch versteht, dafür aber die Tochter das Gymnasium besucht und kein Kopftuch trägt, relativiert das Klischee. Ebenso bleibt ein anderer von Eschenbachs Nachbarn in Neukölln außerhalb einfacher Schubladen: als Asylbewerber ohne Arbeitserlaubnis lebt er zwar, obwohl er im Iran Frau und Kinder hat, in Berlin mit einer anderen Frauen zusammen, wird aber von dieser wiederholt geschlagen, bei lautstarken Streit, der auch für die Nachbarn hörbar ist und auf den niemand im Haus reagiert. Der Lebensweg Eschenbachs ist nicht zum dramatischen wirtschaftlichen und psychischen Zusammenbruch stilisiert; sein unternehmerisches Scheitern und das Ende seiner Liebesbeziehungen zu beiden Frauen fällt nur zufällig zusammen. Die Hauptperson stürzt nicht ab, sondern orientiert sich neu und ist mit ihrer neuen Lebensart durchaus zufrieden.

Vogelweide hat mir auch deshalb so gut gefallen, weil es differenziert und mit vielen Facetten Menschen und ihr gesellschaftliches Miteinander beschreibt, und weil der Roman, auch wenn er sicherlich eine Kritik an der Konsumgesellschaft enthält, dennoch auf Platitüden verzichtet, dass Geld nicht glücklich mache oder man nur ohne Luxus glücklich sein könne. Der Roman erzählt eine, eigentlich sogar viele Geschichten, und gibt sehr viel Stoff zum Nachdenken auch nachdem das Buch – leider – ausgelesen ist.

Dieses Buch ist im Onlineshop und in unseren Läden bestellbar. Mit deiner Bestellung bei uns förderst du unsere Arbeit als soziales und integratives Unternehmen und unterstützt uns bei der aktiven Leseförderung durch Projekte wie den Berliner Lesetroll.

Titel: Vogelweide
Autorin: Uwe Timm
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Genre: Belletristik
ISBN: 978-3-462-04571-0
Preis: 19,99 Euro

Du willst auch eine Buchrezension schreiben? >Hier< bist Du richtig!