Eine Rezension unserer Kundin Nora:

pistalo 1.indd„Dies ist kein Tagebuch. Dies ist ein Roman über Menschen, die für mich Belgrad waren. Dies ist ein Roman über die Veränderung, vor der ich mich fürchtete, weil ich sie nicht absehen konnte. Die Veränderung, von der ich spreche, hat nicht nur die große Welt erfasst, sondern auch die kleinen Welten und uns selbst.“

Eigentlich wäre es am Schönsten über dieses Buch von Vladimir Pištalo mit den Sätzen des Erzählers Milan Dordevic zu schreiben. Eigentlich würde es reichen, die Sätze aneinander zu reihen, die beim Lesen nachhallen. Sätze, die mir klug erscheinen, Sätze, die auf eine besondere Weise vertraut erscheinen, ohne dass ich sie jemals Jemanden so aussprechen gehört hätte. Deswegen kommt mir der ein oder andere sogar weise vor. Sätze, die, wenn ich sie aus dem Text herauslöse, pathetisch klingen mögen, schwerfällig oder ähnliches, die einzeln ausgestellt natürlich nicht die selbe Wirkung erzielen werden, wie im fortlaufenden Text. Oftmals musste ich sie mehrmals lesen, manchmal auch eine kleine Pause einlegen, kurz anhalten, aus dem Fenster schauen.

„Es war die Zeit der hinkenden Hunde, die Zeit, in der man nur schwer seinen Gleichmut bewahren konnte.“

Aber zurück zum Rahmen: Millenium in Belgrad ist ein Buch über fünf junge Menschen in einer Stadt, die das Weiß im Namen trägt, in einer Zeit, in der alles zu kippen droht. In der nichts an seinem vorherigen Ort, seiner richtigen Stelle stehen bleibt, in der Säulen fallen, die vorher ganze Weltbilder stützten, Gefühlshaushalte stabilisierten und Standhaftigkeit lieferten. Es ist die Zeit, in der Beziehungen sich ändern, beziehungsweise aus einem anderen Licht betrachtet werden müssen. Eine Zeit, in der Familiengeschichten neu erzählt werden, Mythen wieder aufleben und die Protagonisten dabei trotzdem älter werden. Manche nicht besonders alt, aber immerhin.

„Ich mochte Bane dafür, dass er Dinge aussprach, die jeder dachte, aber keiner wagte zu sagen […]. Melancholisch dreinblickend fügte Bane einmal hinzu: „Gestern habe ich geträumt, ich hätte eine Stadt gegründet. Die Stadt war weißer als Sepiaschalen. Sie war weißer als Kreide. Komischerweise bin ich am Schluss nicht reingegangen, sondern habe ihr den Rücken zugekehrt und bin in die brüllende Wildnis zurückgerannt.“ Ich verschluckte mich starr vor Schreck. Wie hätte ich sagen sollen, dass ich den selben Traum mindestens ein Dutzend Mal geträumt hatte.”

Es sind die Geschichten von Zora, Bane, Boris, Irina und Milan und ein paar anderen Familienmitgliedern. Die fünf sitzen anfangs, das heißt 1980, noch zusammen in Belgrad vor dem Fernseher und sehen zu, wie die ganze Welt ihrem verstorbenem Staatschef Josip Broz Tito nachweint. Milan Dordevic ist gerade 18 Jahre alt geworden.

„Als es still wurde, sagte Bane: „So hört sich Geschichte an. […] Beim Spiel Hajduk gegen Crvena Zvezda ruhte der Ball in der 43. Minute, Tränen flossen.”

Die Protagonisten stolpern, meist vereinzelt, durch die folgende Jahren, Milan wird Historiker und intensiver Beobachter seiner Mitmenschen, Zoras Gehirntumor wächst  zeitgleich mit dem Leid der Menschen im besetzten Sarajevo, Bane verirrt sich in die Armee, obwohl ihm alle Türen in eine andere Welt offen stehen und wandert später doch noch nach Amerika aus, Boris verläuft sich in mafiösen Kreisen, Irina, einst die große Liebe von Milan, wird Boris‘ Frau, später wird Irinas vierjähriger Sohn Bojan Schutz bei Milan finden.

„Es war Frühjahr 1992. Der Countdown für das Millennium schleppte sich dahin. Nach den Kriegen in Slowenien und Kroatien riss der Krieg in Bosnien das Land noch tiefer ins Verderben. Ich konnte nicht mehr schweigen, ich begann in unabhängigen Zeitungen Texte gegen den Krieg zu veröffentlichen. Zora quälte sich noch mehr als ich mit der Belagerung und dem langen Morden in Sarajevo. Sie schämte sich für all die Schamlosen. Sie fühlte sich immer mehr als Mittäter, nur weil sie täglich in der Stadt, in der sie geboren war, Brot und Joghurt kaufte. Boris hingegen war ziemlich nationalistisch geworden und stritt sich oft mit Zora, was früher undenkbar gewesen wäre. „Du hast dich verändert“, beschwerte er sich bei ihr. „Du dich auch“, antwortete Zora und richtete sich wütend auf.”

Die Kosmopolitin Zora, die nie in andere Länder reist, streitet sich mit Boris, einem Nationalisten, der fest zu seinem Land steht, komme was da wolle, der nur das hört, was er auch hören will, später aber ebenso einsam ist, wie alle anderen. Es ist also eine Zeit, in der man sich für Gehen oder Bleiben entscheiden sollte, in der Milan aber aus einer Unentschiedenheit heraus bleibt. Es ist die Zeit, in der das Leben, wie man so sagt, trotzdem weiter geht, auch wenn niemand genau weiß wie. Boris verdient sich im Krieg eine goldene Nase und Zora verreist erst, als sie schon längst nicht mehr am Leben ist.

„Ich weiß nicht, ob der Mensch verdammt oder gesegnet ist, weil er sich in andere Standpunkte hineinversetzen kann”, heißt es an einer Stelle und dies ist wohl tatsächlich eine der Stärken des Buches, in dem es um verschiedene Sichtweisen geht, keine Schuld zugewiesen wird, niemand direkt verantwortlich für das Geschehen gemacht wird. Vielmehr werden Möglichkeiten aufgezeigt, in welche Richtungen sich die einzelnen Köpfe drehen können, wie Meinungen wachsen und sich festigen und wie Lebensentwürfe von Achtzehnjährigen in den darauffolgenden zwanzig Jahren zu Biografien werden, von denen 1980, als „Belgrad die ganze Nacht hell erleuchtet war” und „voll stummer Menschen”, noch niemand wusste, wie kurvenreich sie verlaufen würden.

Kurz vorm Jahrtausendwechsel fallen die Bomben der Nato auf Belgrad. Im Epilog nähert sich Milan seiner Stadt wieder an, zarter Optimismus: „Ist dies das Ende meiner Obdachlosigkeit?, stotterte ich in einer Sprache, die ich nicht kannte. Meiner eigenen! Jetzt weiß ich, dass ich meinem Traum nicht den Rücken kehren werde.”

Millenium in Belgrad ist unbedingt lesenswert und ebenso lohnt es sich in das Programm des Dittrich Verlages, speziell in die Buchreihe editionBalkan, hineinzuschauen.

Der Autor, Vladimir Pištalo, wurde 1960 in Sarajevo geboren, lebt heute in Belgrad und in den USA. Die Übersetzung seines Buches Milenijum u Beogradu ist 2011 in der Reihe editionBalkan im Dittrich Verlag Berlin erschienen.

Titel: Millenium in Belgrad
Autor: Vladimir Pištalo
Übersetzerin: Brigitte Döbert
Verlag: Dittrich Verlag
Genre: Gegenwartsliteratur
ISBN: 978-3937717616
Preis: 16,80 Euro

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