Eine Rezension von unserer Kundin Sélene:

Cover "Das Geheimnis des Weißen Bandes"Alles beginnt an einem kalten Tag im November des Jahres 1890, als ein fremder Besucher das wohlbekannte Zimmer des Detektivs Sherlock Holmes in der Baker Street 221b aufsucht, um ihn um Rat zu bitten. Es handelt sich um den Kunsthändler Mr. Carstairs, der sich von einem Mitglied einer amerikanischen Bande verfolgt sieht und deshalb um sein Leben bangt. Holmes nimmt den Fall an und beginnt seine Ermittlungen aufzunehmen, den unbekannten Ameri- kaner ausfindig zu machen. Aber schnell wird deutlich, dass dieser Fall nicht so einfach zu lösen ist, wie es anfänglich scheint, denn immer mehr dunkle Geheimnisse tun sich auf, durchziehen die Geschichte wie ein dünnes Spinnennetz – und so begeben sich die beiden immer tiefer in einen Sumpf aus Verschwörungen und gefährlicher Abenteuer…

Schon auf den ersten Seiten wurde mir klar, dass hier wirklich ein Kenner der Geschichten ans Werk gegangen ist und auch mit Herz bei der Sache war.
Nach einer kurzen Einführung von Dr. Watson, in der er dem Leser erklärt, warum er mit der Veröffentlichung so lang gewartet, beginnt die eigentliche Handlung – und zwar so, wie man das von den Geschichten erwartet: in der Wohnung in der Baker Street 221b und Holmes in bester Laune, gibt dem verdutzen Doktor wieder eine kleine Kostprobe seiner Fähigkeiten.
Dabei wird auf Details ebensoviel Wert gelegt, wie das in den originalen Geschichten der Fall war. Auch gelingt es Horowitz auf eindrückliche Weise, derart viele Handlungsstränge und Geheimnisse aufzuzeigen, dass man als Leser sich einfach mit auf Spurensuche begeben möchte, um des Rätsels Lösung doch vor dem Detektiv zu finden – und scheitert natürlich wie gewohnt. Ich fragte mich die ganzen Seiten über, wie diese, augenscheinlich doch recht unterschiedlich und zusammenhangslosen Fäden am Ende doch noch ein gemeinsames Ende finden werden und natürlich, was das große Geheimnis war, hinter dem Holmes und Watson hinterher waren.

Es war wie immer eine Freude, den wunderbaren Gesprächen zwischen dem Detektiv und seinem Freund oder Lestrade beizuwohnen, denn sie waren immer ergreifend, manchmal auch leicht ironisch, wenn Lestrade, völlig entsetzt, zu Holmes sagt: „Ich weiß nicht, was ich denken soll“, und Holmes darauf in seiner unverkennbaren, lakonischen Art antwortet: „Nun, das ist ja nichts Neues.“ Ein ganz besonderes Bonbon für den Leser und Kenner der Geschichten war natürlich das Auftreten von Holmes‘ Bruder Mycroft, der es sich in dieser Erzählung aufgrund der Dringlichkeit der Ereignisse sogar nicht nehmen ließ, seinen Bruder in der Baker Street aufzusuchen. Als sich Holmes, in eine Falle gelockt, im Gefängnis befindet, muss sich Watson selbst auf Spurensuche begeben und dem zuzuschauen, ist eine wahre Freude, denn auch hier lehnt sich Horowitz streng an die Figurencharakteristik Doyles an. Alle Figuren, die man auch aus dem Originalkanon kennt, sind äußerst leicht wieder zu identifizieren.

Besonders schön und lobenswert fand ich die grandiosen Verknüpfungen mit anderen Geschichten. So taucht mehrmals die Erzählung um die Liga der Rotschöpfe (allein wegen des Lachanfalls von Holmes und Watson eine wunderbare Geschichte), die Geschichte um die Blutbuchen und dem griechische Dolmetscher auf, wodurch für den Leser eine wunderbare Verbindung zu den restlichen Geschichten geschaffen wird.

Vom Schreibstil her war es eine reine Freude, das Buch zu lesen, da Horowitz sich auch hier eng an das Original gehalten hat; außerdem tat es mir gut, nach so vielen Büchern und Texten, die oftmals nur noch vor Grobheit strotzen, wieder einen grazilen Schreibstil zu sehen. Oft hatte ich beim Lesen das Gefühl, ich würde ein Geschichte aus der Feder Doyles lesen! Es gelingt Horowitz, die Spannung im gesamten Buch aufrechtzurecht zu erhalten, denn selbst wenn die Dialoge in Nachhinein betrachtet manchmal recht lang erscheinen, so wird es doch niemals langweilig. Dagegen sind Verfolgungsszenen immer sehr rasant geschrieben und man kann sich bildlich vorstellen, wie diese von statten gingen und fiebert regelrecht mit.

Ein einziger kleiner Wermutstropfen für mich ist das doch recht abrupte Ende. Auch wenn Horowitz es gelingt, Holmes‘ Ausführungen und den Gedankenweg, für den der Detektiv berühmt ist, in seiner Erklärung, den er den Anwesenden gibt, so klar wie möglich zu machen, fehlen doch ein paar i-Tüpfelchen, die nicht ganz geklärt werden und von denen der Leser nur erfährt, dass Holmes sie schon lange ahnte. Da hätte er durchaus etwas ausschweifender werden können.
Auch fehlte mir ein abgerundeter Abschluss, denn die meisten Geschichten beginnen in der Baker Street, so, wie sie auch da enden – hier leider ist dem, lässt man das Nachwort außer Acht, nicht so – was ich etwas schade finde.

Aber das sind nur kleine Tropfen – im Gros, und das ist hier das wichtigste, liegt hier ein grandioses Werk vor, dass sich durchaus als respektabler Sherlock-Holmes-Roman rühmen darf. Die Geschichte ist in sich stimmig, sie ist äußerst spannend und für mich als Leser war mehr als interessant, der berühmten Spürnase und seinem Freund beim Ermitteln zuzuschauen, mitzufiebern, wenn Holmes eine spektakuläre Flucht gelingt oder wenn er schlussendlich das große Geheimnis löst. Dieses Buch wird bei Fans des Originalkanons und auch bei denen, die Sherlock Holmes entweder noch nicht kannten oder erst durch diverse Verfilmungen darauf aufmerksam wurden, großen Anklang finden.

Ein Sprichwort lautet: „Woran erkennt man ein gutes Buch? Daran, dass du das Gefühl hast, einen guten Freund verloren zu haben, sobald du es ausgelesen hast.“ So habe ich gefühlt, als ich die letzte Seite dieses Buches umgeblättert habe.

Dieses Buch ist im Onlineshop und in unseren Läden bestellbar.

Titel: Das Geheimnis des weißen Bandes
Autor: Anthony Horowitz
Verlag: Insel Verlag
Genre: Kriminalroman
ISBN: 978-3458175438
Preis: 19,95 Euro

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