Textetunnel: Vom Reiz des Alten

16. November 2017 | Von | Kategorie: BüchertischlerInnen

Tabea Michel arbeitet seit 2013 ehrenamtlich bei uns. Zunächst als Jurymitglied eines Schreibwettbewerbs für Jugendliche, dann als Mitredakteurin unseres Kiezkochbuchs Friedrichshain kocht und schließlich als Vorleserin für Kinder in unserem Laden in der Wühlischstraße. In ihrer Kolumne „Tabeas Textetunnel“ präsentiert sie uns ihre ganz persönliche Sicht auf die Welt: mit einem Augenzwinkern und garantiert ohne Tunnelblick. Wir wünschen Euch viel Freude beim Hindurchfahren!

Foto: Pixabay

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Vom Reiz des Alten

Bei Tchibo gab es bis 2008 jede Woche eine neue Welt. Ob den Leitern der Marketingabteilung der mit dem wöchentlichen Rundum-Erneuerungsstreben verbundene Erwartungsdruck seither zu groß wurde und der Slogan deshalb einem anderen weichen musste, lässt sich hier nicht abschließend klären. Fakt ist: Es musste etwas Neues her. Denn Innovation ist nun mal gut. Neuerdings kann man alles nur Denkbare in Form eines Einhorns kaufen: Einhorntorte, Einhornpizza, Einhornwasser, Einhornlikör, Einhornluftmatratzen, Einhornklopapier, Einhornkondome, ja Einhornbratwürste sogar. Marshmallows kommen heutzutage als Einhornpopel daher und auch der Einhornpups hat Einzug ins Reich der Süßigkeiten gehalten. Und für alle, die nach dieser Aufzählung das Gefühl bekommen, irgendwer habe hier ganz eindeutig nicht alle Tassen im Schrank, hätte ich folgenden Vorschlag für ein Geschenk: Den Einhornkaffeebecher der, einmal mit etwas Heißem befüllt, seine Farbe wechselt.

Fernab des Einhorn-Hypes gibt es neues Nutella, das man unterwegs unter Zuhilfenahme von nur einer Hand verzehren kann und jedes Jahr kommt mindestens ein neues Trendspielzeug auf den Markt. 2017 ist dies der Fidget Spinner. Die Industrie wird nicht müde, uns mit neuen Erfindungen zu locken, die immer ein bisschen ausgefallener, schöner und besser als das Vorgängermodell sind, damit wir, indem wir eine solche Neuheit erwerben, gleichfalls das Gefühl bekommen, ein bisschen ausgefallener, schöner und besser zu sein als vorher.

Auch ich gehe manchmal zum Friseur oder kaufe mir eine neue Bluse mit Ananasfrüchten drauf, weil ich bisher nur Blusen mit Karos habe und mich gerne weiterentwickeln möchte. Außerdem ist Obst gesund und Gesundheit das höchste Gut, sagt man. Ich bin nach Südafrika gereist, habe einige Zeit in einer fremden Stadt gelebt und bin, kaum zurück in Berlin, mit öffentlichen Verkehrsmitteln immer wieder an Orte gefahren, die ich bis dahin nicht kannte, nur um herauszufinden, wie es dort aussieht. Neues zu entdecken ist schön, und insofern bin ich der Industrie für ihren Einfallsreichtum durchaus dankbar. Doch weitaus schöner finde ich es manchmal, mich abends, wenn ich alleine bin, genau den Dingen hinzugeben, die ich schon kenne: Zum fünfundsechzigsten Mal meinen Lieblingsfilm zu schauen, den ich natürlich längst auswendig kann, um an immer derselben Stelle immer wieder neu mit den Tränen zu kämpfen. Zum dritten Mal mein Lieblingsbuch zu lesen und mich darüber zu freuen, wie gut es geschrieben ist. Ich weiß, welches Geräusch die Seiten beim Umblättern machen, und wenn meine Nase zufällig das bedruckte Papier streift, dann ist es, als atme ich den Geruch eines alten Freundes ein. Das alles erzeugt in mir ein sehr tiefes und nachhaltiges Gefühl, das kein Fidget Spinner, kein Einhornbecher und kein Nutella-Upgrade jemals in mir hervorrufen könnte. Ich glaube, es nennt sich Geborgenheit. Und Geborgenheit ist das, was wir brauchen, um den ständigen Innovationen unserer Zeit unvoreingenommen und offen zu begegnen. Also, liebe Tunnelfahrer: Vergrabt eure Nasen in alten Schinken und atmet ganz tief ein.

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