Textetunnel: Über die Schönheit der Nase

1. September 2017 | Von | Kategorie: Aktuelles, BüchertischlerInnen

Tabea Michel arbeitet seit 2013 ehrenamtlich bei uns. Zunächst als Jurymitglied eines Schreibwettbewerbs für Jugendliche, dann als Mitredakteurin unseres Kiezkochbuchs Friedrichshain kocht und schließlich als Vorleserin für Kinder in unserem Laden in der Wühlischstraße. In ihrer Kolumne „Tabeas Textetunnel“ präsentiert sie uns ihre ganz persönliche Sicht auf die Welt: mit einem Augenzwinkern und garantiert ohne Tunnelblick. Wir wünschen Euch viel Freude beim Hindurchfahren!

 

Foto: Pixabay (cc)

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Über die Schönheit der Nase

Das mit Abstand meistgepriesene Sinnesorgan des Menschen ist – na, raten Sie mal – genau: das Auge. Paarweise auftretend, funkelt es wahlweise hell wie die Sterne, leuchtet, strahlt oder  glänzt, versprüht Witz und Charme,  schimmert blau wie das Meer oder der Abendhimmel, scheint grün wie Smaragd oder braun wie Bernstein und ist umgeben von einem Kranz kunstvoll geschwungener Wimpern, über dem sich schützend die sanfte Wölbung der Brauen erhebt. Man kann es couragiert auf jemanden werfen, es nachsichtig zudrücken oder sich verzweifelt aus dem Kopf weinen – all dies sind Indizien für die herausgehobene Stellung, die der Mensch diesem  Körperteil zuerkennt.

Nicht, dass ich diese Wertschätzung grundsätzlich unangemessen fände, nicht, dass ich nicht schon des Öfteren mit Augen konfrontiert gewesen wäre, bei deren Anblick mir lyrisch zumute wurde. Doch was ist mit den anderen gesichtsinternen Reizleitern? Was ist beispielsweise mit der Nase? Ist sie nicht der Gipfel der Schönheit im menschlichen Antlitz? Eine stolze Königin könnte man sie nennen, erhaben in der Gesichtsmitte thronend,  mit einem Reich so weitläufig, dass es sich von der Stirn bis kurz vor die Oberlippe erstreckt. Sie versorgt uns mit Atemluft und  ermöglicht uns einen Zugang zu der Welt der Gerüche. Blumig, holzig, fruchtig, würzig, animalisch, erdig.  All diese Zuschreibungen wären bedeutungslos, wenn wir sie nicht hätten. Warum betrachten wir sie im Spiegel oft argwöhnisch, lassen sie uns verkleinern, begradigen, uns an ihr herumführen? Und wenn wir sie voll haben von etwas, dann heißt das nichts Gutes. Die Nase hat mehr verdient als das, bin ich der Meinung! In Gemälden sollte sie verewigt und in Liedern besungen werden. Hier wäre mein Vorschlag für einen Text, zu singen in der Tonart eines kräftigen Hatschi!

(Gesundheit)

 

Nase, Nase, holde Zier!

Ich möchte etwas sagen Dir:

Du bist, und das schon jahrelang

mein allerliebster Blickefang!

 

Seh‘ ich einen Menschen stehn

denk‘ ich: Ach, wie ist es schön

mich ohne Scheu zu trauen

ihm mitten ins Gesicht zu schauen.

Gleich Blumen in der Vase

Prangst Du dort, oh Nase!

 

Formen kennst Du, tausendfach:

grad und krumm und spitz und flach,

doch lieb‘ ich noch und nöcher

Deine runden Löcher!

Wie sie sich weiten

nach allen zwei  Seiten,

beim Atmen und Lachen

ein Beben entfachen:

 

Das, ganz offen und ganz ehrlich,

find ich wirklich herrlich!

Deshalb, Nase, glaube mir,

bist Du meine liebste Zier.

 

Von all den vielen Körperteilen

will einzig ich bei dir verweilen

und zwar –  oh yeah, you’re right! –

von jetzt an bis in Ewigkeit.

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