Textetunnel: Prost, Freunde!

26. September 2017 | Von | Kategorie: Aktuelles, BüchertischlerInnen

Tabea Michel arbeitet seit 2013 ehrenamtlich bei uns. Zunächst als Jurymitglied eines Schreibwettbewerbs für Jugendliche, dann als Mitredakteurin unseres Kiezkochbuchs Friedrichshain kocht und schließlich als Vorleserin für Kinder in unserem Laden in der Wühlischstraße. In ihrer Kolumne „Tabeas Textetunnel“ präsentiert sie uns ihre ganz persönliche Sicht auf die Welt: mit einem Augenzwinkern und garantiert ohne Tunnelblick. Wir wünschen Euch viel Freude beim Hindurchfahren!

Biene

Prost, Freunde!

In Sekt mag ich vor allem Kohlensäure oder, wenn es noch ein Zusatz sein darf, Fruchtsaft, aber keine Käfer oder dergleichen, auch wenn sich ein Insekt in Sekt sicher gern aufhält. Zumindest phonetisch gesehen ist dies sein perfektes zu Hause, und sommers im Freien passiert es ja auch häufiger, dass Wespen in die vollen Gläser fallen – oder Mücken – und dort, beschwipst wie sie sind, zu Leistungsschwimmern heranreifen. Was tun? Sie erlösen? Gespannt zusehen? Die Öffnung des Glases mit einem Bierdeckel abdichten und so den Tod des Tieres herbeiführen? Ist das dann Mord? Sterbehilfe? Oder Ausdruck etwaiger sadistischer Neigungen meinerseits? Stimmt etwas nicht mit mir? Brauche ich vielleicht professionelle Hilfe? Muss ich etwas aufarbeiten? Erschrocken über meine eigenen Gedanken schütte ich den Sekt sofort weg und sehe zu, wie sich das Tier taumelnd in die Lüfte erhebt. Na dann:  guten, unfallfreien Heimflug,

Keine Tierklasse, so heißt es, ist so vielfältig wie die der Insekten, knapp eine Million verschiedener Arten soll sie umfassen. Und wahrscheinlich noch viele weitere, bislang unentdeckte, in den tropischen Regenwäldern. Ja, das glaube ich sofort. Denn mit der Entdeckbarkeit von Insekten ist das mitunter schließlich so eine Sache. Ich stelle mir vor, ich liege nachts wach im Bett. In unmittelbarer Nähe des Kopfendes ist ein aufgeregtes Summen zu hören, tief, dumpf und sonor, durchsetzt von einem leichten Knistern. Dann ein schmatzendes Geräusch.  Oh, da war wohl die Nachttischlampe im Weg. Stille. Bestimmt liegt das Tier jetzt, von Kopfschmerzen gebeutelt, flugunfähig auf dem Boden und ich kann endlich einschlafen. Von wegen! Das Summen wird lauter und immer wilder. Ich spüre einen Luftzug dicht über meinem Kopf, wie von einem Propeller erzeugt. Das Geräusch scheint nicht aus nur einem, sondern zeitversetzt aus unzähligen Körpern nach außen zu dringen. Ich habe Angst. Was ist das, das da in meinem Schlafzimmer tobt? Ein Maikäferschwarm?  Jawohl! Bestimmt wird er mich anfallen und töten. Oder seine Eier in meinen Ohren ablegen. Lauter kleine Maikäferlarven werden nach und nach aus meinen Körperöffnungen schlüpfen. Ich werde eins sein mit den kleinen Biestern, die Grenze zwischen Mensch und Tier wird verschwinden. Was Gregor Samsa im Reich der Fiktion erleiden musste, wird mir in Wirklichkeit passieren. Schweißgebadet schalte ich das Licht ein.

Und was sehe ich: Keinen Käfer weit und breit.  Nichts.  Angestrengt blicke  ich mich im  Raum um.  Alles sieht aus wie immer, nirgends ist auch nur die geringste Spur irgendwelcher geflügelter Invasoren auszumachen. Nach einer Weile schlafe ich erschöpft  und ratlos ein. Am nächsten Morgen entdecke ich auf dem Fußboden in der Nähe des Fensters den Leichnam einer ganz gewöhnlichen Haus- und Stubenfliege. Sofort kommt mir der Gedanke, ihn zu Forschungszwecken zu konservieren.

Worin? Na ist doch klar!

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