„Ich muss das Meer nicht sehen“- eine Berliner Autorin zwischen Chabrol und Duras.

17. Januar 2017 | Von | Kategorie: Aktuelles, Berliner AutorInnen, Berliner AutorInnen, Buchtipps

Was passiert, wenn ein übergewichtiger Orientale seinem kleinen Bruder den Namen stiehlt? Ein von seinen Geschwistern mehr drangsalierter als geliebter Junge mit voller Angelausrüstung darauf wartet, der Fluss möge austrocknen? Ein Bungalowbesitzer im fernen Vietnam diskret die Rechnung nach oben- oder eben auch nach unten- korrigiert? Eine Dorfgemeinschaft sich ausgerechnet dem Schwächsten aller Schwachen, einem harmlosen Landstreicher, mit zunehmender Nervosität gegenüber sieht wie die Schlange dem Kaninchen?

Auf all diese Fragen gibt Synke Köhler´s „Kameraübung“ Antwort- Antwort oder zumindest Aufschluss. Die Figuren in ihrem Erzählband, der insgesamt 9 Kurzgeschichten versammelt, sind allesamt Sonderlinge, manche ganz unverhohlen, andere versteckt in der Unschärfe des Alltags und das nicht selten gleich im Kollektiv, egal, ob es sich bei letzterem um eine äußerlich allem Anschein nach gut funktionierende Familie, eine wohl organisierte Meisterklasse oder gleich ein ganzes Dorf handelt.

Unscharf allerdings ist die Sprache der Autorin nicht: die kurzen, knappen, nicht selten wie ein unerbittliches Staccato, immer aber präzise gesetzten Sätze erlauben dem Leser ein Wegschauen nur im äußersten Fall- etwa, wenn er auf einen Blinden sieht. In der Regel aber lassen sie einen eher erahnen, dass der Alltag eben nicht nur ein Schmetterling ist, „beinahe reglos sitzt er einem Einkaufszentrum gegenüber“, sondern sich gut und gerne auch anfühlen kann wie ein Gefängnis, das die handelnden Figuren- und damit auch uns als Leser- trotz mal erbärmlicher, mal traurig verzweifelter Ausbruchsversuche einfach nicht rauslassen will.

Dabei geht die Autorin keinesfalls dogmatisch vor: sie belehrt nicht, sondern zeigt auf, vertritt wechselnde Positionen, die Stimmung dabei auch schon innerhalb der Geschichten, nicht nur in ihrem Verhältnis zueinander, schillernd und oszillierend zwischen eisigem Klirren und schwitzigem Sirrren, zwischen beißendem Humor und trägem Alltagstrott, zwischen herzzerreißender Melancholie und einer fast klaustrophobisch anmutenden Spannung, die der Folgerichtigkeit aller Handlungsmöglichkeiten geschuldet ist, einer, die fast unausweichlich scheint.

Wir kapieren: Gottes Geschenk kann man nicht usurpieren, nicht auf eigene Faust und nicht mit Muttis Hilfe, ein Familienurlaub kann auch ganz ohne Leichen mörderisch werden, bis einem als einzig unversehrt das Familiengefährt der Marke „Lada“ vorkommt, das eigene Frühstück sieht auf einmal ganz anders aus, seit man weiß, dass einem da „Sexkornbrötchen“ aufgetischt werden- mit einem gekonnten Schwenk-Schwenk der Kamera fährt Synke Köhler in das Geflecht zwischenmenschlicher Beziehungen und bewegt sich damit in bester Claude-Chabrol-Manier: nichts ist, wie es scheint, und besser man schaut zweimal hin, der Alltag- ein Thriller.

Wir fiebern bereitwillig mit: wie die Autorin mal unerbittlich, mal mitfühlend ist mit ihren Figuren, die bis auf wenige Ausnahmen alle irgendwie Schuldige sind und doch an das Leben Ausgelieferte, so ist die Lektüre für den Leser mal erhellend, mal beklemmend, mal betörend, mal niederschmetternd.

Aber wann, so fragt sich eine Figur der titelgebenden Erzählung „Kameraübung“, muss man ein Auge zudrücken? Wann ist es besser, ein Auge zuzudrücken, auch wenn sich dieses Auge hinter der Kamera befindet? Was ist wahre Meisterschaft? Oder sollte man am besten gleich beide zudrücken? Und was, wenn man es nicht kann, es nicht über sich bringt?

„Ich hasse das Meer.“ In der Erzählung „In der zweiten Reihe“ kommt dieser Satz gleich zweimal vor. Und der Erzähler dieser Geschichte setzt noch einen drauf: „Ich habe das Meer immer gehasst.“ Aber wenn man in derselben Erzählung nur etwas weiter auf einen so berückenden Satz stößt wie: „Ich weiß nicht, wann es angefangen hat, früher zu werden, wann das Ziel in die Vergangenheit gerutscht ist, obwohl ich es nie erreicht habe“, dann möchte man eigentlich fragen: „Wirklich?“

Der Erzähler gibt selbst Antwort darauf am Ende der Erzählung: „Vielleicht hasse ich das Meer nicht“, fügt jedoch sofort hinzu: „aber ich brauche es auch nicht.“ Und man möchte ein weiteres Mal fragen, diesmal: „Wirklich nicht?“

Über das Meer hat Marguerite Duras in „Der Mann im Flur“ einst einmal geschrieben: „Ich weiß, dass es jenseits von dem ist, was (…) sie sehen können“. Mit „sie“ ist ein liebemachendes Paar gemeint, was aber bedeutet dies? Kann, anders als „sie“, das „ich“ es sehen? Synke Köhler schreibt nun: „Ich muss das Meer nicht sehen. – Es reicht, wenn es da ist.“, konstatiert sie lapidar. Das Grundstück in Vietnam, auf dem die Bungalows stehen, in deren Betten sich kein Leser mehr unbefangen legen wird, seitdem er weiß, dass sie nur mit Duftsprays eingesprüht sind, in denen sogar am Kühlschrankstrom gespart wird, dieses Grundstück liegt nicht direkt am Meer, es liegt „in der zweiten Reihe“.

Zurück zur Frage: „Wirklich nicht?“. Und diesmal antwortet die Autorin, nicht sehr direkt, selbst ein wenig verschämt vielleicht, aber gleich ein paar Sätze weiter bezüglich des Grundstücks mit der Klarheit und Bestimmtheit, die wir von ihr mittlerweile gewöhnt sind: „Ich verkaufe nicht.“ Punktum. Marguerite Duras hätte das gefreut.

 

Synke Köhler

          Kameraübung

  • Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
  • Preis: 16,90 €
  • Verlag: Kremayr & Scheriau (1. Februar 2016)
  • ISBN-10: 3218010241
  • ISBN-13: 978-3218010245

 

Text von: yy

 

 

 

 

 

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