„I can´t give you anything but books, baby“ – Lesekoffer für die Lenauschule

8. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Berliner Lesetroll, Leseförderung

 

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Der Laden am Mehringdamm 51 in Kreuzberg öffnet erst um 11 Uhr, aber die Schülerinnen und Schüler der Klassen 3a I, II, 3c und 4a der Lenau-Grundschule in der Nostizstraße, nur wenige Blocks weiter, trudeln beim letzten Lesetrollübergabefest im September schon gegen 10 Uhr ein.

Unser Leseförderteam hat schon alles vorbereitet: weg mit der Erwachsenenliteratur, den Platten und CDs, der Klassik und dem Jazz- die Ladencouch und viele, viele Stühle stehen in einem Rund wie die Stonehenge, an der ein Ding ganz anderer Art- von Trollen eben- abgehalten werden soll. In der Mitte: besagte Koffer mit dem Lesetroll-Aufkleber, um die es geht, und „nichts als Bücher“ stimmt da nicht ganz, denn es sind auch Spiele und Hörspiele, und Decken und Kuscheltiere dabei, und ach ja- diese coolen neuartigen „Ting-Stifte“, die einem den Text vorlesen, wenn man selbst weder Lust zum Schreiben noch zum Lesen hat.

img_0362Ronja, unsere langjährige Leseförderin, erklärt, nachdem sie die Kinder begrüßt und alle sich hingesetzt haben, exemplarisch an einem Trolley, was man zu beachten hat: neben Sorgsamkeit mit den Büchern und Spielen auch, dass jeder Koffer eine Mappe mit farbigen Blättern enthält, auf denen die Kinder ihre Eindrücke, Empfindungen, Leseerlebnisse etc. festhalten können, Vorgaben gibt es keine, Bilder, Briefe, Texte, Rezensionen sind allesamt gleich willkommen, so dass am Ende der Reise des Trolls- denn der Troll wird wandern in dem Jahr, in dem er unterwegs ist, von Familie zu Familie, von Kind zu Kind- eine kleine Dokumentation der Reise entstehen kann.

Daneben enthält die Mappe noch einen „Familienbrief“, den es gilt, gut aufzubewahren: denn der beinhaltet neben der oben genannten Aufforderung (auch an Eltern, Geschwister, Freunde und Verwandte), eine Inventarliste, die aufzählt, was in den Koffern war, damit die Koffer vollständig und wohlbehalten bei der nächsten Familie an- und schließlich nach einem Jahr wieder zu uns zurückkommen können.

„Wer möchte sich zu Hause um die Trolleys kümmern?“, fragt Ronja. Die Kinder sind eifrig, alle Finger gehen hoch. „Gibt es jemanden, der schon ein bisschen Verantwortung gewöhnt ist? Wer von euch hat jüngere Geschwister, auf die er schon mal aufpasssen musste?“, fragt sie halb im Scherz. Einige Kinder nicken konzentriert und verständig. Danach können sie sich aber eigentlich nicht mehr konzentrieren. Die Klassensprecher werden einstweilen mit der Kofferaufsicht betraut, dann geht das Fest erst richtig los: 3 Kartons mit bunt durchmischten Kinderbüchern stehen auf dem Hof, und jeder darf sich eins aussuchen, Connie, Robbi Tobbi oder doch die Lustigen Taschenbücher aus Entenhausen, für eine kurze lärmige Zeit verwandelt sich der Büchertisch in einen Schulhof während der „Großen Pause“: wir nagen ein bisschen an unseren Pausenbroten mit, während unsere Schützlinge stöbern, streiten, schmökern, staunen.

lesetroll-oktober-2016_2Und dann ist es auch schon vorbei. „Auf unserer rostigen Gartenschaukel sitzen 10 Kinder auf einmal, dass die das aushält!“, wundert sich unsere Mitarbeiterin Christa, die grad angekommen ist, und bekommt dabei selbst ganz rosige Wangen. Andere haben sich auf die Fahrradständer an der Mauer gesetzt und sind in den neu erworbenen Büchern verschwunden. Lehrerin Edith und ihre Kolleg/innen mahnen zum Aufbruch, einige umarmen Bücherfee Ronja noch zum Abschied und wollen gar nicht mehr loslassen, und wie sie gekommen sind, so gehen sie auch wieder, wir hören, wie ihr Quatschen und Kauderwelschen immer unverständlicher werden und sich durch die Toreinfahrt auf den Mehringdamm hinaus entfernen.

So sind Kinder auf Lesetroll-Übergabefesten. Wir lehnen uns, nach getaner Arbeit, zurück, und öffnen die Tür zum Laden. Und winken.

Text: Yingying Song

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