Es scheint doch, dass ich wirklich nach Berlin gehöre, wie?

5. November 2014 | Von | Kategorie: Aktuelles, Berliner AutorInnen, Berliner AutorInnen
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Erica Loos/DLA-Marbach

In unserer Reihe “Berliner AutorInnen blicken auf Berlin” stellt euch unsere ehrenamtliche Mitarbeiterin Jana Weiß literarische Berlinperspektiven vor. Jana studiert an der FU Deutsche Philologie im 4. Semester.

Es scheint doch, dass ich wirklich nach Berlin gehöre, wie?

So schrieb Erich Kästner (1899-1974) wenige Monate nach seinem Umzug in die Hauptstadt an die Mutter nach Dresden. Nachdem der gebürtige Sachse mehrere Jahre in Leipzig gelebt, studiert und gearbeitet hatte, verlor er 1927 seine Anstellung bei der Neuen Leipziger Zeitung.

Fortan musste er sich als freier Journalist durchschlagen. Doch was zunächst wie ein Unglück aussah, entpuppt sich bald als große Chance: Kästner siedelt nach Berlin über und beginnt seine Texte – zunächst Theaterkritiken, später auch Gedichte – an diverse namhafte Zeitungen zu verkaufen. Er versteht es, sich zu vermarkten – stets mit dem selbsterklärten Ziel vor Augen:

Wenn ich 30 Jahre bin, will ich, daß man meinen Namen kennt. Bis 35 will ich anerkannt sein. Bis 40 sogar ein bißchen berühmt.

Es sollte ihm gelingen. Seine Zeitungs-Gedichte, für die er selbst den Begriff der „Gebrauchslyrik“ prägt, treffen den Nerv der Zeit. In sachlich klarer Sprache beschreibt er mit einfühlsamem Blick den Alltag der kleinen Leute in der Großstadt. Dienstmädchen, Werksarbeitern und Sekretärinnen widmet er seine dichterische Aufmerksamkeit:

Der Mann, von dem im weiteren Verlauf die Rede ist,
hieß Schmidt (Kurt Schm., komplett).
Er stand, nur sonntags nicht, früh 6 Uhr auf
und ging allabendlich Punkt 8 zu Bett.

10 Stunden lag er stumm und ohne Blick.
4 Stunden brauchte er für Fahrt und Essen.
9 Stunden stand er in der Glasfabrik.
1 Stündchen blieb für höhere Interessen.

Sein erster Gedichtband Herz auf Taille (1928) wird zum Bestseller. Und auch im für ihn damals noch neuen Genre der Kinderliteratur erobert er mit seinem Roman Emil und die Detektive (1929) im Fluge die Herzen kleiner und großer Leser. Mit Emil, Pony Hütchen und Gustav mit der Hupe, die in Berlin auf Verbrecherjagd gehen, hat Kästner sich tief ins literarische Gedächtnis der Stadt eingeschrieben: Ausgehend vom Bahnhof Zoo, wo Emil den Zug verlässt, um den Dieb Grundeis zu verfolgen, schlängeln sich die Wege der kleinen Detektive durch ganz Berlin. Die Kinder ermitteln im aufregenden Gewusel der Großstadt, deren hektisches Treiben für sie zum Abenteuer wird: Das ist ja wie im Kino!, ruft Gustav mit der Hupe begeistert. Was die Kinder an der Metropole fasziniert, wirkt auf Kästners erwachsene Figuren hingegen oft bedrohlich. Sie sind von den vielen Eindrücken überfordert und fühlen sich in der Großstadt verloren:

Sie wissen vor Staunen nicht aus und nicht ein.
Sie stehen und wundern sich bloß.
Die Bahnen rasseln. Die Autos schrein.
Sie möchten am liebsten zu Hause sein.
Und finden Berlin zu groß.

Es klingt, als ob die Großstadt stöhnt,
weil irgendwer sie schilt.
Die Häuser funkeln. Die U-Bahn dröhnt.
Sie sind das alles so gar nicht gewöhnt.
Und finden Berlin zu wild.

Kein Wunder! Denn das Berlin der 20er und 30er Jahre gleicht in vieler Hinsicht einem hektischen Rummel: Theater, Kabaretts, Bierpaläste und Musiklokale sind an allen Ecken zu finden. Genusssucht und Freizügigkeit bestimmen das Berliner Leben. Fabian, der Protagonist in Kästners gleichnamigem Roman, veranlasst dies zur Diagnose: Sittenverfall. Sein Blick auf die Großstadt ist in jeder Hinsicht negativ, dystopisch:

Soweit diese riesige Stadt aus Stein besteht, ist sie fast noch wie einst. Hinsichtlich der Bewohner gleicht sie längst einem Irrenhaus. Im Osten residiert das Verbrechen, im Zentrum die Gaunerei, im Norden das Elend, im Westen die Unzucht und in allen Himmelsrichtungen wohnt der Untergang.

In diesem Berlin fühlt sich Fabian, der Moralist – wie Kästner ihn nennt – völlig verloren. Oft fährt er ziellos durch die Stadt, verirrt sich, wandelt einsam durch Straßen und Gassen:

Er hatte keine Ahnung, wo er sich befand. Wenn man am Wittenbergplatz auf den Autobus 1 kletterte, an der Potsdamer Brücke in eine Straßenbahn umsteigt, ohne deren Nummer zu lesen, und zwanzig Minuten später den Wagen verläßt, weil plötzlich eine Frau drinsitzt, die Friedrich dem Großen ähnelt, kann man wirklich nicht wissen, wo man ist.

Doch das Verhältnis des Protagonisten zur Großstadt ist gespalten. Fabian erscheint als Stadtneurotiker à la Woody Allen: Die Metropole ist ihm verhasst und doch kann er nicht ohne sie. Die Flucht vor dem großstädtischen Leben zurück in die heimatliche Provinz ist sein Ende. Beim Versuch, dort einen Mann vor dem Ertrinken zu retten, kommt der Nichtschwimmer Fabian ums Leben.

Auch Erich Kästners selbst ist zwischen seiner Liebe zu Berlin und der Sehnsucht nach seiner Heimatstadt Dresden hin- und hergerissen. In der Hauptstadt feiert er große berufliche Erfolge, hat immer wieder neue Liebesbeziehungen und führt ein aufregendes Literatenleben. Dennoch verspürt er großes Heimweh, besonders nach seiner Mutter, zu der er zeitlebens eine äußerst enge Bindung hatte. Kästner schreibt ihr täglich und schickt noch während der Wirren des zweiten Weltkrieges seine Wäsche zum Waschen nach Hause.

Sein enges Verhältnis zur Mutter mag auch ein Grund dafür gewesen sein, dass Kästner –anders als die meisten seiner regimekritischen Dichterkollegen – nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 nicht emigriert. Den Entschluss, in Berlin zu bleiben, begründet er mit seiner schriftstellerischen Verantwortung, als Chronist vor Ort die Ereignisse zu dokumentieren zu wollen. Als Einziger aller betroffenen Autoren wohnt er am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz der Bücherverbrennung bei. Die schriftlichen Aufzeichnungen über dieses schreckliche Ereignis, enthalten die wohl nihilistischste Berlinbeschreibung im Werk Erich Kästners: Begräbniswetter hing über der Stadt.

Im Jahre 1945 verließ Erich Kästner das umkämpfte Berlin und lebte schließlich in München, wo er im Sommer 1974 nach schwerer Krankheit starb.

Bücher von und über Erich Kästner findet ihr in unseren Läden oder in unserem Onlineshop.

Textausschnitte mit freundlicher Genehmigung des © Atrium Verlags, Zürich und Thomas Kästner.

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Ein Kommentar auf "Es scheint doch, dass ich wirklich nach Berlin gehöre, wie?"

  1. Gerhard A. Fuerst sagt:

    Erich Kaestner hat mich bleibend beeinflusst
    nicht nur durch seine Lyrik,
    sonder durch die Groesse seiner Literatur…
    Aber auch als Pazifist hinterliess er in mir
    eine sehr bedeutsame und inhaltlich lebensbestimmende
    und wirklich wegweisende Spur!

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