Der unsichtbare Apfel

3. August 2014 | Von | Kategorie: Aktuelles, Buchtipps

Eine Rezension unserer Mitarbeiterin Antonia:

9783462046410Dem Bewusstsein einen Raum geben

Wenn Menschen heute zu sich selbst finden wollen, trampen sie mit einem Rucksack durch die Welt, suchen einen Psychologen auf oder versuchen beim Yoga, die Aufmerksamkeit auf das eigene Innere zu richten. Der Autor Robert Gwisdek hat eine ganz eigene Methode entwickelt. In seinem Debütroman Der unsichtbare Apfel schickt er seinen Protagonisten Igor auf eine Reise in die eigene Gedankenwelt. Igors Ziel ist es, sich ganz auf sich selbst zu konzentrieren. Dafür verbringt er hundert Tage in einem dunklen, von Geräuschen abgeschirmten Raum.

Igors Bewusstseinsreise wird von zwei Erzählungen eingerahmt, die beide in einer real anmutenden Welt spielen. In der Vorgeschichte wird Igors Kindheit bis zum Erwachsenwerden erzählt. Als Kind war er unkonzentriert und merkwürdig, so versuchte er etwa, schlecht gelaunte Gegenstände mit einer Keksdose zu neutralisieren oder er zählte eine Woche lang seine Atemzüge, alles nur, um die Welt um ihn herum besser verstehen zu können. Am meisten beschäftigte ihn jedoch etwas anderes: „Sein erstes, wahrhaft zermürbendes Rätsel war die Frage nach der Unendlichkeit. Er konnte sie sich einfach nicht vorstellen. Aber er konnte sich auch nicht vorstellen, dass es sie nicht gab.“ Je älter er wird, desto größer wird der Wunsch, das Rätsel zu lösen. Als er 23 Jahre alt ist, stirbt seine Freundin, und er beschließt, eine Reise in das eigene Bewusstsein zu wagen.

Diese bildet den Kern des Romans. Raum für Raum wandert Igor durch seinen Gedankenpalast. Wie in einem Märchen, das an „Alice im Wunderland“ erinnert, muss er sich gegen einen König zur Wehr setzen, Gefangene befreien und Rätsel lösen. Dabei wird er ständig von einem brummenden Kreis begleitet, dem Leitmotiv des Romans. Je tiefer er in sein Unterbewusstsein vordringt, desto mehr verdrängte Erinnerungen werden in ihm wachgerufen und er lernt seine Ängste zu überwinden. Am Ende der Reise muss er sich schließlich mit der Unendlichkeit auseinandersetzen, die ihn an die Grenzen der Vernunft stoßen lässt. Erst im „Nachwort“, dem letzten Teil des Romans, kehrt Igor, mit einer „ungewöhnlichen Gelöstheit“, wieder in die reale Welt zurück.

Auch sprachlich sind die drei Teile des Romans klar voneinander getrennt. In der Vor- und Nachgeschichte greift der Erzähler noch gelegentlich kommentierend in die Erzählung ein, die von einem kindlich erklärenden Ton geprägt ist. Während Igors Bewusstseinsreise tritt der Erzähler jedoch völlig zurück und lässt Raum für sprachliche Experimente und fantasiereiche Bilder.

Gwisdeks Sprache erzeugt einen phantasmagorischen Klang. So steht zum Beispiel seitenweise nur der Buchstabe „K“ geschrieben. Jedes K steht für ein imaginiertes leibliches Kind, das Igor gebiert. Ein ganzer Absatz besteht aus dem Wort „immer“. Man hat den Eindruck, Gwisdek versuche hier die Unendlichkeit sichtbar zu machen. Besonderes Einfühlungsvermögen beweist er bei der Darstellung von Igors Gedanken. Er schafft es, Igors Art zu denken – nämlich ungeordnet und in Wiederholungen – durch eine Aneinanderreihung von Bildern und Gefühlen nachzuempfinden:„Du sagst du seist keine Krankheit und doch stinkst du aus dem Mund.“ oder „Ich speie purpur leuchtende Fraktale aus Schlamm in deinen Mund.“ An anderen Stellen finden sich poetische Einschübe, die an Liedzeilen erinnern: „Einen Ast, der trägt, einen Ofen, der wärmt, eine Waffe, die schießt, eine Mauer, die steht, überall wehen Bäume.“

Trotz so viel Einfallsreichtum bedient sich Gwisdek zwischendurch an sprachlichen Klischees und abgegriffenen Phrasen. So ergreift Igor schon mal ein „heißes Fieber“ oder er ist „zu Tode erschrocken“. Manche Bilder wirken konstruiert: „Ein kratzendes Brüllen, so tief wie eine Schlucht und so scharf wie ein Kettenblatt“.

Gwisdek entwirft dazu eine ganze Reihe von märchenhaften Figuren, die keinen Regeln der Vernunft folgen. Sie alle sollen Igor den Weg durch seinen Gedankenpalast zeigen und ihn durch ihre Hinweise, der Lösung näherbringen. Geisterkinder, die sich als tanzende Äpfel vorstellen und dann zu Asche zerfallen, eine Wahrsagerin, die ganz mit Haaren bedeckt ist, sprechende Vögel und Liftboys ohne Lippen – das alles ist kurios. Selbst die Welt persönlich spricht zu Igor: „Das Schauen willst du lernen? Dann schaue mit dem, was dir gehört, nachdem deine Form von mir zersetzt wurde. Schaue mit dem, was hinter und in deinem Leib stand, bevor du geboren warst, und was dich nie verlassen hat. Suche es und es wird sich dir offenbaren.“

Doch so originell die Figuren auch sind, es gibt einfach zu viele davon. Sie bringen den Text mehr durcheinander, als das sie ihn strukturieren, zumal neben den Gestalten auch geometrische Figuren auftreten: Dreieck, Kreis, Apfel und Auge als Symbol nehmen im Text die Funktion von Leitmotiven ein. Um dieser Position jedoch gerecht zu werden, müssten sie eine eindeutige Bedeutung besitzen. Das ist jedoch nicht der Fall. Einmal symbolisiert der Kreis die Unendlichkeit, ein anderes Mal stellt er Igors eigene Mitte dar. Zu Beginn der Gedankenreise sieht Igor einen Augapfel, groß wie ein Kopf, der ihn beobachtet, am Ende ist er selbst dieses Auge. Solche Konstruktionen sind außergewöhnlich, doch sie verwirren den Leser auch. Die Sprache, die Bilder, die Figuren, alles scheint eine doppelsinnige Bedeutung, fast schon eine philosophische Ebene, zu haben, und dies lässt den Text undurchsichtig werden.

Der unsichtbare Apfel ist im Ganzen gesehen ein herausragendes Debüt, weil er inhaltlich und sprachlich sehr mutig ist. Wenngleich die Symbolen und Bildern nicht immer richtig sitzen. Dieses Chaos, wenn auch sprachlich bezaubernd verpackt, erschließt sich nicht beim ersten Lesen, vielleicht enträtselt man es auch nie. Doch verstanden zu werden scheint ohnehin nicht Gwisdeks Ziel zu sein. Stattdessen geht es hier mehr darum, sich als Leser gedanklich treiben zu lassen und die Welt mit anderen Augen zu sehen – nämlich mit denen Igors.

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Titel: Der unsichtbare Apfel

Autor: Robert Gwisdek

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Genre: Belletristik
ISBN: 978-3-462-04641-0
Preis: 12,99 Euro

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Ein Kommentar auf "Der unsichtbare Apfel"

  1. […] Rezensionen zum Roman hier, hier und hier. Mit Dank an […]

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