Denken/Ordnen

7. Dezember 2014 | Von | Kategorie: Aktuelles, Buchtipps

Eine Rezension unseres Kunden Gerhard:

denken und ordnenDenken/Ordnen von Georges Perec ist ein Buch über das Schreiben. Denn was ist Schreiben, wenn nicht fortlaufendes Denken und Ordnen – Anordnen, Umordnen, Aussortieren, Einsortieren? Für Perec jedenfalls muss hier das Rätsel und die Faszination des Schreibens liegen. Schreiben (und das Leben selbst) hat er immer wieder mit einem Puzzle-Spiel verglichen. Perec war Mitglied der Autorengruppe Oulipo, ein Zusammenschluss von Schriftstellern, die mit selbst auferlegten Spielregeln, Aufgaben und Zwängen experimentierten.

Angemerkt sei, dass Perec 1936 in Paris als Sohn jüdischer Eltern geboren wurde, die beide Krieg und Holocaust nicht überlebten. Seine Mutter wurde in Auschwitz ermordet, sein Vater wurde als französischer Soldat bei Kriegshandlungen getötet. Viele Kritiker sehen Perecs Interesse an Ordnungen, Spielregeln, Listen, Aufzählungen etc. als verzweifelten Versuch Ordnung in ein traumatisches Gefühlsleben zu bringen und eine Form zu finden für die Darstellung des Unsagbaren (des Holocaust).

Der schmale Band versammelt kurze Texte aus den sechs letzten Lebensjahren des Autors, der 1983 im Alter von 45 Jahren starb. 1985 erschien erstmals Penser/Classer (deutsch 1996 Denken/Ordnen). Wie schön, dass das Buch nun (Oktober 2014) wieder druckfrisch in der deutschen Übersetzung von Eugen Helmé im Diaphanes Verlag vorliegt.

Gleich im erstenText „Anmerkungen über das was ich suche“ gibt Perec Auskunft über den Antrieb seines Schreibens. Dabei nennt er vier Kategorien von Texten, auf die er immer wieder zurückkommt, die ihn immer wieder interessieren. Es sind dies erstens minutiöse, quasi soziologische Beobachtungen der Menschen, der Sprache und der Außenwelt, zweitens autobiographische Texte, drittens Texte, die durch strenge Schreibregeln entstehen, (berühmtestes Beispiel aus Perecs Feder ist sein umfangreicher Roman La Disparation , der ohne den Buchstaben e auskommen muss), viertens längere Texte, Romane, Bücher, die den Leser faszinieren und im Bett verschlungen sein wollen.

Aus den ersten drei dieser Textsorten (und deren Hybride) besteht Denken/Ordnen. Man kann sich die Aufgabe stellen, die Texte des Bandes entsprechend zuzuordnen, nachdem Perec eingangs diesen Hinweis auf seine Interessen gegeben hat.

Ein Beispiel für hellwaches, quasi-wissenschaftliches Arbeiten ist der Text „Über einige Anwendungen des Verbes ‚wohnen'“. Auf zwei Seiten analysiert Perec in seiner typisch gewitzten Art den Bedeutungswandel des Wortes „wohnen“, je nach Zusammenhang sagt dieses Wort Grundverschiedenes aus . Er zeigt dabei spielerisch, dass Sprache kein starres Bedeutungssystem ist, sondern immer abhängig von der Lebenswirklichkeit und der Situation der Sprechenden (oder Schreibenden).

In einer auf groteske Weise informativen Studie über die Brille erweist sich Perec als Kollege der besten Komiker. Hervorragend umstandskrämerisch führt er uns, der er übrigens selbst nie Brillenträger war, durch die sonderbare Welt der Brille, ihre Erfindung und ihre Geschichte, sowie durch die typischen Verhaltensweisen und Bewegungen der Brillenträger. In einem weiteren Text untersucht er das Lesen als körperliche Beschäftigung. Körperhaltungen, Orte, Situationen des Bücherverschlingens werden genüsslich analysiert.

Autobiografisch geprägt sind die Texte „Drei wiedergefundene Zimmer“ und „Orte einer List“ . Perec beschreibt drei zwischenzeitlich wohl „vergessene“ Zimmer an weit auseinander liegenden Orten, in denen er als Junge und junger Erwachsener Ferien oder Kuraufenthalte verbracht hatte. „Orte einer List“ gibt die Atmosphäre einer orthodox-psychoanalytischen Behandlung wieder, mit all ihren Routinen und dem Überdruss, der den Autor zeitweise befiel. Wichtig dabei ist aber wiederum der Bezug zum Schreiben, zum Aufbrechen des Schreibpanzers, wie es an einer Stelle heisst.

Das Thema Ordnen nimmt in diesem Buch natürlich einen breiten Raum rein. Perec ist wie gesagt dafür bekannt, dass er für sein Schreiben immer wieder neue Ordnungssysteme suchte und fand.

Hervorzuheben sind hierbei zwei Texte, die gemessen an ihrem abstrus trockenen Thema, ausgesprochen unterhaltsam und komisch sind. „Anmerkungen hinsichtlich der Gegenstände auf meinem Schreibtisch“ beschreibt einfach die Dinge, die sich auf seinem Schreibtisch befinden, samt ihrer Geschichte und eventuellen Zukunft. Wieder zeigt er an einem vermeintlich banalen Thema, dass es so etwas wie eine rational begründete Ordnung nicht geben kann, da sie ständig durch die Ängste und die Bedürfnisse des lebendigen Körpers durchkreuzt wird. Ähnlich ein Text über die vielen Möglichkeiten oder die Unmöglichkeit Bücher zu ordnen.

Der titelgebende Text „Denken/Ordnen“ ist einer der letzten veröffentlichten des Georges Perec. Dieser Text ist extrem unordentlich und assoziativ, dabei an manchen Stellen grotesk-systematisch, wie das vorangestellte, völlig überflüssige Inhaltsverzeichnis. In immer neuen Anläufen untersucht Perec das menschliche Bedürfnis nach Denken und Ordnen (letztendlich Kontrolle, Angstabwehr), er entlarvt dabei vermeintlich tiefe Gedanken und logische Anordnungen von Dingen als ziemlich beliebige Ordnungskrämpfe und Sprachspiele. Immer scheint dabei der Trost, die Freude und Faszination an der ordnenden Tätigkeit durch, wie auch ihre letztendliche Vergeblichkeit.

Denken/Ordnen ist ein Buch, das jedem Literaturinteressierten und jedem Büchernarren empfohlen werden kann. Es enthält zwar auch Texte, die die Geduld des Lesers strapazieren (wie die 81 Kochrezepte, die drei gleiche Gerichte variieren), aber insgesamt gibt es einen authentischen Einblick in die Werkstatt eines hochreflektierten Schriftstellers. Selten trifft man auf Texte, die ähnlich offen und vielgestaltig die Krämpfe und Zwänge eines Geistesarbeiters, sowie die möglichen Auswege behandeln. Und der Ausweg ist immer ein selbst auferlegter Zwang, eine Regel, die man sich selbst gegeben hat und deren Befolgung ein packendes assoziationsreiches (im Falle Perecs oft auch melancholisches) Schreiben ermöglicht.

Dieses Buch ist im Onlineshop und in unseren Läden bestellbar. Mit deiner Bestellung bei uns förderst du unsere Arbeit als soziales und integratives Unternehmen und unterstützt uns bei der aktiven Leseförderung durch Projekte wie den Berliner Lesetroll.

Titel: Denken/Ordnen
Autor: Georges Perec
Verlag: diaphanes
Genre: Sachbuch
ISBN: 978-3-03734-740-9
Preis: 14,99 Euro

Du willst auch eine Buchrezension schreiben? >Hier< bist Du richtig!

 

Tags: , , , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar