Als Zeuge in Berlin: Cees Nooteboom

21. März 2016 | Von | Kategorie: Aktuelles, Berliner AutorInnen, Berliner AutorInnen

Unsere Reihe „AutorInnen blicken auf Berlin“ geht in die nächste Runde.  Unsere Praktikantin Charlotte van Rooden stellt Euch diesmal den niederländischen Autor Cees Nooteboom und seine Beziehung zu Berlin vor.

Mitten in der Nacht klingelt das Telefon; er wird von zwei Fotografen angerufen. Sie berichten ihm, es habe eine Revolution in Ungarn begonnen. Sie würden heute Nacht noch abfahren. Hätte er Lust, mitzufahren?

Budapest 1956, der Aufstand in Ungarn. Ein toter Mann liegt auf der Straße. Ihm waren Geldscheine in den Mund gestopft worden. Menschen stehen um ihn herum und bespucken seine Leiche. In einem Interview mit dem WDR, Erlebte Geschichten, erzählt Nooteboom später, sie hätten damals angenommen, dass der Mann ein Geheimpolizist gewesen sei. Die Russen näherten sich schon, man konnte es spüren. Ein Mädchen kam auf ihn zu und fragte ihn, den Mann aus dem Westen, wann sie denn kommen würden, um den Menschen in Ungarn zu helfen. „Niemand wird kommen“, sagte er.

Später würde er darüber schreiben, wie er das Gefühl, diese Leute verraten zu haben, nie wieder los werden konnte. Bei seiner Abfahrt aus Ungarn, nur kurz vor dem Eintreffen der russischen Truppen, war ihm ganz klar, dass das Land ab diesem Moment abgesperrt sein würde. 1956, zum Zeitpunkt der Revolution, war Cees Nooteboom 23 Jahre alt und hatte erst ein Jahr zuvor seinen ersten Roman veröffentlicht. Jetzt würde er zum ersten Mal eine große journalistische Reportage schreiben.

DONOSTIA KULTURA, 29. 06-05-2015 Cees Nooteboom Conferencia 14, Argazkilaria/Fotógrafo: Mikel López González

DONOSTIA KULTURA, 29. 06-05-2015 Cees Nooteboom Conferencia 14, Argazkilaria/Fotógrafo: Mikel López González

Herkunft
Cees Nooteboom wurde 1933 in Den Haag geboren. Er hat an seine Kindheit wenige Erinnerungen, trotzdem spricht er im Radiobeitrag über die „rote Luft“ über Rotterdam am 10.5.1940. Seine Mutter war schon mit seinen Geschwistern auf dem Lande als er selbst 1944 mit seinem Vater den sogenannten ´Hongerwinter´ in Den Haag miterlebte. Sein Vater starb 3.3.1945 in Bezuidenhout während eines fehlgeschlagenen englischen Bombenangriffes auf ein Raketenbasis in Den Haag.

Von seinem Stiefvater, der seine Mutter 1949 heiratete, wurde Nooteboom auf ein katholisches Internat geschickt, verließ die Schule aber ohne Abitur. Er reiste mehrere Jahre als Anhalter durch Europa und lernte Spanisch und Schwedisch von Lastwagenfahrern. Über seine Reisen schrieb er ein Kultbuch, das in den Niederlanden sofort populär wurde: Philip en de anderen (1954), in Deutschland zuerst als Das Paradies ist nebenan (1958) übersetzt.

Reisereportagen wurden zu seinem Genre und nach dem Aufstand in Ungarn reiste er weiter über die ganze Welt. So fuhr er als Arbeiter auf einem Schiff nach Surinam, wo er beim Vater seiner Verlobte erfolglos um deren Hand anhielt, er reiste mit ihr in den USA und heiratete sie trotzdem. Dort lernte er auch Hannah Arendt kennen. Er reiste nach Bolivien, um Politiker zu interviewen und über Che Guavara zu reden, nach Asien für seine politischen Reportagen. Er war in Teheran, konnte in Paris 1968 mit den politisch engagierten Studenten reden und er fuhr auch nach Deutschland, wo er sich 1963 mit dem geteilten Land auseinandersetzte, um später Augenzeuge zu sein vom Mauerfall und der Wende. Die drastische Veränderung von einem geteilten zum wiedervereinten Deutschland erfuhr er so aus erster Hand.

Als er nicht mehr wusste, wie es mit dem Schreiben weitergehen sollte, hatten ihm die Worte von Thomas Mann geholfen. Der nämlich soll am Ende seines Lebens gesagt haben, dass er weniger schreiben und mehr leben hätte sollen. Das sei der Grund gewesen für Nootebooms viele und weite Reisen, für die Reportagen und den Reisejournalismus.

Berlin: Allerseelen und Die Notizen

Die Stadt Berlin hat Nootebooms Schreiben stark geprägt. Er fühlte in der Stadt eine besondere Präsenz der Vergangenheit. Nach seiner ersten Begegnung mit Berlin 1963, bekam er 1989 ein Stipendium vom DAAD (dem Deutschen Akademischen Austauschdienst) und obwohl er vor hatte, nur kurz in Berlin zu wohnen, blieb er länger. Zunächst freundete er sich mit einigen wichtigen Akteuren der Berliner Kulturszene an. Im Herbst wurde er dann zufälliger Zeuge des Mauerfalls. So entstehen 1989 die Berliner Notizen (niederländisch: Berlijnse notities, 1991 erschienen bei Suhrkamp) über die politische Wende. Diesem Buch und seiner Anwesenheit bei dem politischen Umbruch 1989 verdankt er es auch, schnell zu einem bekannten Schriftsteller in Deutschland zu werden. Hier wird er fast noch mehr geschätzt als in seinem Herkunftsland, den Niederlanden. Nach der Wende erhielt er für die Berliner Notizen als Erster den „Preis des 3. Oktober“, benannt nach dem Datum der deutschen Wiedervereinigung. 2009 ergänzte er die Berliner Notizen noch mit einem Beitrag über das Berlin 20 Jahre nach der Wende. Berlin 1989/2009 erschien 2009 ebenfalls beim Suhrkamp Verlag. 

Als Außenstehender wusste Nooteboom mit Distanz über die deutsche Vergangenheit und Gegenwart zu schreiben, über die deutsche Politik und auch über die Deutschen selbst. Er wusste dabei immer, dass er ein Fremder sein und bleiben würde. Er erklärt, dass sein Leben als Schriftsteller von der Idee der Erinnerung geprägt sei. Die Erinnerung oder Vergangenheit – oder Geschichte – sei immer anwesend, präsent. Obwohl wir von ihr bestimmt wurden, hätten wir gleichzeitig auch auf sie Einfluss, wie auf eine Erzählung, an der wir selbst schreiben können.

Auch in seinem Roman über einen Dokumentarfilmer, der in Berlin nach sich selbst sucht, spielen Berlin, die deutsche Geschichte und Erinnerung eine Hauptrolle. Allerseelen (erschienen 2000 bei Suhrkamp; Original auf niederländisch: Allerzielen erschienen 1998, Atlas) ist ein elegischer Roman über Verlust und Liebe. Für Arthur Daane sind die Toten, derer an Allerseelen gedenkt werden sollte, immer anwesend. Er versucht mit seiner Kamera die Berliner Gegenwart für die Ewigkeit zu sichern. Der Roman wurde in Deutschland weitgehend positiv aufgenommen und gilt als bedeutender Großstadtroman.

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